Es war 1 Uhr nachts. Ich war auf irgendeiner Homeparty – also damals, als die noch cool waren, vor der Pandemie und so. Die Spannung war groß, denn es war eine krasse Party. Was auch immer „krass“ bedeutete, ich versuchte mir nicht genau zu erklären, was es ist. Es war mehr ein Gefühl von unkontrollierter Aufregung als bewusste Wahrnehmung.

Es war eine Party von krassen Leuten eben.

Hip und so.

Leute, die einen voll coolen Style hatten.

Sie lebten das Good Life in einer Riesen-Berliner-Wohnung in Schöneberg, trugen schicke Anziehsachen und haben den Berliner Lifestyle mutmaßlich gecheckt.

Sie rauchten "Gas" und spielten "Ball". Es ging darum, cool zu sein. Wer sich nicht anmerken lässt, ist der Boss. In der Wohnung hangen Bilder von Basquiat. Ihre Eltern waren bei einem Weinverkostungsabend. Die Bude war Sturmfrei. Sie verkörperten einen guten Mix aus chillig und stilvoll.

Ich wollte mit denen befreundet sein.

Ich fand es attraktiv, wie entspannt ihr Lifestyle war. Es hatte irgendwie die Ungezwungenheit, nach der ich mich sehnte. Als in Gropiusstadt, Neukölln aufgewachsener Junge hat mich die heile Welt extrem angezogen, da sie ein Stück Ruhe und Gepflegtheit in sich trug, die ich in meiner Jugend vermisste.

Der respektvolle Umgang enttarnte sich dann aber nach ungefähr ein bis zwei Stunden als etwas anderes. Mit jemandem Kontakt aufzubauen, war schwer. Selbst wenn man quatschte, schien es mir, als würde jeder nur seinen eigenen Film fahren.

Es kam mir vor wie eine Fassade, die gespielt wurde. Und über die Jahre merkte ich, es war immer das selbe Muster: Kalkuliertes Verhalten, die Augen bewegen sich ganz gezielt ganz selektiert Aufmerksamkeit gebend. Status ist der Filtermechanismus.

Ein gutes Auge für die Künste ist dein Numerus Clausus.

Diese Welt, das habe ich erst viel zu spät nach mehreren Jahren gecheckt, war gespielt. Abgehoben schon fast. Sie sahen aus wie die coolsten Leute, waren aber einfach nur lame, weil sie endgültig nur eine Fassade spielten. Sie versuchten die Kultur und den Lifestyle zu verkörpern, aus dem ich geboren wurde. Berlin war für sie, was sie verkörpern wollten. Ich war Berlin, bekam aber keine Anerkennung, weil's das ungefilterte Berlin war.

Sie wollten das gefilterte Berlin

Unterm Strich: Berlin ist schmutzig. Berlin ist ungefiltert. Berlin ist echt.

Gleichzeitig ist Berlin bekannt dafür, eine Bühne des Performance-Theaters zu sein. Jeder kennt’s oder hat’s mal erlebt: Man geht auf ein Event, alles curated, sehen und gesehen werden.

Wer trifft den Nerv der Zeit am besten?

Wer ähnelt dem Sinnbild am nächsten?

Was mich nur verwirrst ist: Wenn ich im Ausland bin und Berliner kennenlerne, sind wir am wenigsten performativ im Auftritt.

Vielleicht sind es wieder einfach nur die Hergezogenen? Wie immer!
Naja, ist auch egal.

Wir sind hier, um herauszufinden, was diese „Curated Vibes“ so unglaublich exklusiv und Nicht-Berlin macht.

Herkunft Simulieren

Der größte Treppenwitz dieser „Curated Vibes“-Crowd ist ihre obsessive Nachahmung des Authentischen, das sie selbst nie durchlebt haben.

Sie ziehen nach Berlin, mieten sich in die sanierten Altbauten der Kieze ein, die sie vorher nur als ästhetische Kulisse aus einem Moodboard kannten, und beginnen sofort mit der Rekonstruktion einer Realität, die sie gleichzeitig zerstören.

Sie tragen die Arbeitskleidung der Schichten, mit denen sie nie ein Wort wechseln würden, und kopieren den rauen, ungefilterten Habitus der hiergeborenen Kids aus Neukölln oder Wedding – aber sie tun es als reines Performance-Asset.

Es sind die Söhne und Töchter der Systemdenker, die Menschen nur als Schachfiguren sehen. Und sie haben diese Denkensweise an ihren Nachwuchs weitergegeben:

"Das ist alles ein Game. Spiel es gut!"
Pinterest: ZQRA.ai.photography

Es ist eine kulturelle Gentrifizierung des Verhaltens: Sie extrahieren den „Edginess“-Faktor des echten Berlins, waschen ihn biochemisch rein von echtem Dreck, echter Armut und echtem Schmerz und verkaufen ihn als exklusiven Lifestyle-Code.

Das Absurde daran? Während sie die Ästhetik des Berlin Lifestyles wie eine Uniform tragen, nutzen sie genau diese kuratierte Version der Kultur als Filtermechanismus, um eben jene Locals auszugrenzen.

Die Atzen die eben nicht den Bildungsgrad haben, die aus sozial schwachen Vierteln kommen. Diese Menschen, die unsere Berliner Kultur gelebt und geschaffen haben.

Es ist ein geschlossenes System, eine In-Group-Hölle, in der man den „Vibe“ des Hiergeborenen simuliert, um sicherzustellen, dass man unter sich bleibt. Wer die echte Härte Berlins im Blut hat, stört das empfindliche Ökosystem ihrer Inszenierung; er ist zu laut, zu unberechenbar, zu wenig „curated".

Sie spielen Berlin, wie man ein Videospiel spielt – mit Cheat-Codes und Sicherheitsnetz –, während sie die Schöpfer dieses Spirits an der Tür ihrer „exklusiven“ Spaces abweisen, weil deren Realität nicht in die hochglanzpolierte Narrative des "All Curating Eye" passt. Es ist ein lächerliches Theater der Spiegelbilder, bei dem die Kopie so tut, als hätte sie das Original erfunden, nur um es danach für den Zutritt zu sperren.

Diese Simulation von Authentizität braucht jedoch ein Medium, um wirksam zu werden.

Der Kiez wird zum bloßen Set-Design degradiert, während die eigentliche Transaktion in den Algorithmen der Social-Media-Welt stattfindet.

Hier wird das Theater nicht mehr nur für die Anwesenden gespielt, sondern für ein unsichtbares Gericht, das über Relevanz und sozialen Tod entscheidet.

Gladiator*innen in der Algorithmischen Arena der Sichtbarkeit

Wir kennen's: Wenn du es nicht postest, Bruder, ist es nie passiert.

Und gerade ich, weil ich in Social Media arbeite.
Ich schreibe gerade diesen Text und bin Teil des "Bösen".

MilaVenz

Social Media ist gefühlt wie das entfernte Wohnzimmer geworden, in einem Beziehungsnetz, welches Kredibilität durch sozialen Status bestätigt, welcher gleichzeitig auch ziemlich undefinierbar und subjektiv ist.

Berlin ist in einer Dimension ein Spielraum für dieses bestimmte Game, das wir hier versuchen zu beschreiben. Es ist ein unsichtbares System aus Belohnungen (Likes, Zugang, Status, Anerkennung), das unser Verhalten steuert. Die Schnittstelle, wo biologisches System (Hormone) auf die digitale Welt stößt (Likes).

Pinterest: David Evans

Wenn du mal deep darüber grübelst, um 4 Uhr morgens in deiner Einzimmerwohnung in Friedrichshain für 800 Euro kalt, du Penner, wirst du’s vielleicht checken.

Social Media ist der Schnittpunkt der Realitäten, genau so heftig wie die finanzielle Welt es ist. Dieses Theater ist fest geskriptet, die Regeln sind geschrieben. Manche Leute hassen das Game, manche Leute haben es akzeptiert und versuchen mitzuspielen – mehr oder weniger erfolgreich.

Manche Leute sind die Strippenzieher selbst…wie die Systemdenker Söhne und Töchter die ihre Skills in Sozialen Ingenieurswesen durch einen ästhetischen Instagram Feed flehen.

Am Ende geht es wie im finanziellen System um die Währung.

Die Währung aus Aufmerksamkeit und Relevanz.

Soziales Kapital ist heute genauso machtvoll wie geldliches Kapital.

Was soll ich tun, Bro?

Du kannst jetzt weiterspielen und hoffen, dass dein soziales Kapital nicht durch die nächste Algorithmus-Änderung entwertet wird. Oder du akzeptierst, dass die wahre Macht darin liegt, von diesem Game unberührt zu bleiben.

Natürlich kannst du zu einem bestimmten Grad das Game spielen und so wenig Schaden wie möglich nehmen wollen. Andere halten sich komplett von Social Media fern. Es ist deine Wahl.

Wenn du dich jedoch dafür entschieden hast dieses Game zu spielen, sei dir bewusst: Jeder ist Wärter und Gefangener zugleich, ständig damit beschäftigt, das eigene Leben so zu framen, dass es den „Numerus Clausus“ der Coolness besteht.


Ich persönlich schaue lieber was Freunde von mir machen, statt sich in die nächste Netflix Serie zu verlieren. Trotzdem hat Instagram mehr Kontrolle über meine Aufmerksamkeit, als ich zugeben wollen würde.

Was das alles für einen Schaden in uns anrichtet, könnt ihr in der nächsten Folge in 2 Wochen lesen. Berlin isst und isst, aber es verdaut nur die, die sich für die Kamera hübsch gemacht haben.

Der Rest bleibt ungenießbar.

Und genau dort, im Ungenießbaren, liegt die Freiheit.

Und wer checkt, der checkt.
Danke für deine Aufmerksamkeit.
Tarkan