Endlich taut das Eis(?)
Draußen taut das Berliner Eis langsam weg, und schon kommt nochmal eine Welle an Eis und Schnee. Die Stadt schüttelt mühsam, wenn auch langsam, ihren Winterschlaf ab. Und Gott, war das ein eisiger Winter, der einfach nicht mehr loslassen will!


Foto: Eisbahn-berlin.de / christian lohse
Der Bruder ist müde vom Winter.
Der Bruder nippt an seinem doppelten Espresso, spürt die vollmundige, leicht säuerliche Röstung auf der Zunge und starrt nach draußen in das Weiß-Grau. Der Bruder nimmt noch einen Schluck und es passiert ganz spontan: Du verliebst dich in diesen winzigen Moment. Der Bruder fühlt ein Gefühl von Präsenz, welches seinen Körper flutet.
Es ist dieses urtümliche Kribbeln, über das Dichter und Denker ganze Welten geschrieben haben – so primal und echt.
Das Gefühl, welches dich bekommt: Präsenz.
Und die Fülle, die damit einhergeht. Das ist echter Wert. Es ist dieses Mal kein flüchtiger Blick auf den Instagram-Screen. Du starrst nicht in ein Video, sondern in die Realität, Bruder. Du schaust dich nämlich um seit Jahren und siehst die Gesichter der anderen – und du siehst eine tiefe, kollektive Abstumpfung, die den Winter poetisch widerspiegelt.
#deep und metaphorisch, yani.


Photos by lillupsilon / Carmen Laezza
Körper verraten
Du beobachtest, wie wie die Brüder und Schwestern da sitzen: Die Daumen gleiten über das kühle Glas, während unsere Körper wie leblose Hüllen in den Sesseln hängen.
Valentinstag hast du im Gym verbracht, 15-mal auf Tinder checkend, ob du nicht doch vielleicht noch ein Date reinbekommst. Der Verlust des Körpergefühls, und somit der Präsenz, ist bei dir schon Routine.
Wir haben die Verbindung zu unserer eigenen Physis gekappt, und wir checken es nicht, Dicker.
Während das Display ein künstliches Dopamin-Feuerwerk zündet, registriert unser Nervensystem gar nicht mehr, dass wir uns in einem Raum voller Leben befinden.
Deine Mutter wurde von deinem Vater höchstwahrscheinlich im Prinzenbad an einem Berliner Sommer geklärt.

Der Alte war präsent und hatte Game, dicker.
Und heute?
Heute leben eine Dissoziation auf Raten: Wer seinen Körper nicht mehr spürt, kann auch keine echte Intuition mehr entwickeln.
Wir sind „online“, aber biologisch offline – gefangen in einer Taubheit, die jede echte Empfindung im Keim erstickt. Wir sind abgestumpft, weil wir die Fähigkeit verloren haben, die Schwere einer Information zu fühlen. Es ist alles nur noch Content. Like oder weiterscrollen. Der Algorithmus kennt dich besser als jede Frau, die du gedatest hast, Bruder.
Dicke Haut kommt als Feature in Berlin
Wir Berliner haben eine dicke Haut entwickelt. Von dort kommt nämlich ursprünglich auch die „Berliner Schnauze“, über die wir schon geschrieben haben. Und jedes Mal, wenn wir im Ausland oder draußen auf dem Land sind, merken wir es: Als Berliner hast du einen Tunnelblick aufgebaut, der alle Gefahren und Ablenkungen in der Bahn in Sekunden filtert. Diesen singulären Fokus zu haben, ist Überlebensstrategie geworden.
Man will nicht von irgendwelchen Personen angemacht werden oder den Wutausbruch der nächsten drogenabhängigen Person miterleben müssen. Das ist ein eisiger, ewig anhaltender, innerer Winter, den wir in uns aufgebaut haben.
Und es macht einen übergreifenden Sinn: Im Winter ist es Zeit, Energie zu konservieren, alles ist auf Sparflamme. Genau das gleiche Verhalten adaptieren wir ständig, übers gesamte Jahr im Großstadtdschungel, weil die Reizüberflutung sonst ganz schnell zu viel wird.
Emotionale Insolvenz durch Dauerstress
Und genau hier schließt sich der Kreis zu den Abgründen unserer Zeit. Die Epstein-Files ploppen auf unseren Screens auf – Namen, Machtmissbrauch, die totale Entwertung des Menschlichen.

Eigentlich ein Moment, der das Blut zum Kochen bringen müsste. Doch du siehst in unseren Augen kein Feuer, keine Wut, nicht einmal ein kurzes Innehalten. Es ist wie der nächste Skandal oder die nächste Massenmörderei, welche stattgefunden hat, weil’s irgendwie normal sein soll(?).
Unser Gehirn ist durch den Dauerbeschuss mit 15-sekündigen Krisen-Häppchen (in Form von Reels auf TikTok oder Instagram) so weit runterreguliert, dass wir den Unterschied zwischen einem Katzenvideo und einem Menschheitsverbrechen nicht mehr fühlen können.
Dieses Phänomen lässt sich nicht nur auf Berlin, sondern auf die ganze Welt projizieren. Aber Berlin ist davon ganz doll betroffen.
Die Information erreicht das Gehirn, aber sie erreicht nicht mehr das Herz. Es ist die Endhaltestelle: Emotionale Abkapselung durch Hormonelle Insolvenz – wenn die Wahrheit vor dir liegt, du aber biochemisch zu bankrott bist, um sie zu bezahlen. Und genau das ist das, was uns in den Abgrund treiben wird: Die gottverdammte Abgestumpftheit gegenüber allem.
Und hier wird es richtig schmerzhaft: Einzugestehen, dass die „Verschwörungstheoretiker“ in diesem speziellen Fall den Finger in einer Wunde hatten, die wir lieber als Fiktion abgetan haben, erfordert einen vollen Drüsentank und emotionale Offenheit, die unser erschöpftes Hirn kaum noch aufbringt.
Was ist die Lösung?
Tank mal auf! Wir stören den Ausstoß durch das omnipräsente Blaulicht unserer Screens. Wir sind gefangen in einer Twilight-Zone der Physiologie: Nicht wirklich wach, aber auch niemals tief schlafend.
Willst du wieder emotional auftanken? Verdräng nicht so viel! Vergiss das Handy! Vergiss den Kaffee! Vergiss den Fernseher am Abend! Vergiss die Blaulicht-Screens für einen Moment und lasst uns unseren Winterschlaf wieder nachholen! Geh einfach 3 Tage lang nur pennen! Komm wieder, unschlagbar.
Nein, Spaß. Fast unmöglich in unserem Rat-Race. Leider habe ich heute keine andere Lösung für dich.
Danke für deine Aufmerksamkeit.
Tarkan Turan
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